Freitag, 22. Mai 2015

Wertschätzung

Was ist wertschätzende Führung?

Fühlen sie sich bei ihrer Arbeit "wertgeschätzt"? Wenn man von dem ausgeht, was gegenwärtig über den Zustand der Arbeitswelt veröffentlicht wird, müssten viele Beschäftigten diese Frage verneinen oder hätten zumindest Schwierigkeiten sie mit einem klaren Ja zu beantworten. Die Veröffentlichungen lassen sich in zwei gegensätzlichen Positionen zuspitzen: einerseits die Schilderung und Klage von immer belastenderen Arbeitsverhältnissen, andererseits die romantischen Träume von einer schönen neuen Arbeitswelt in der (hoch)qulifizierte Wissensarbeiter mit ihren Arbeitgebern "auf Augenhöhe" verkehren. Einer der Fäden zwischen diesen beiden Polen ist für mich das von vielen empfundene Defizit an wertschätzender Führung.
Was ist das?
Zunächst ist man geneigt, an das individuelle Führungsverhalten einzelner Personen zu denken. Ohne Frage liegt darin auch die erste Antwort auf diese Frage. Ich möchte jedoch bewußt den Blick zunächst auf einen anderen Aspekt lenken, auf den, wenn man so will, institutionellen Aspekt. Einige Stichworte: geringes Entgelt, unbezahlte Überstunden, knappe Personalressourcen - dadurch hoher Leistungsdruck, Zeitdruck usw.. Führungsverhalten also, das sich nicht in persönlichem Verhalten ausdrückt, sondern in Arbeitsbedingungen. Auch diesen Arbeitsbedingungen liegen ja Entscheidungen von Führungskräften zugrunde. Entscheidungen, die aus einer bestimmten Werthaltung heraus getroffen werden. Welche "Werte" haben dann Priorität? Kosten? Kundenanforderungen? Allein die Tatsache, dass diese Krierien oft als "Werte" genannt werden, sagt ja schon etwas über die "Werthaltung". Welche Rolle spielen die Bedürfnisse der Mitarbeiter? Gewiss muss ein Unternehmen auf die Kosten achten und sollte auch tunlichst die Wünsche der Kunden im Auge haben. Aber was ist, wenn das im Großen und Ganzen stimmt, aber trotzdem der Profit kontinuierlich um deutliche Prozentsätze gesteigert werden muss? Die Kehrseite dieser Profitmedaille ist im Übrigen unsere Geiz-ist geil-Mentalität als Kunden. Bei dem vielzitierten T-Shirt für 5 Euro aber auch bei der Flasche Wein aus dem Supermarkt für 2,95 Euro muss irgendwo in der Kette jemand dran glauben. Da fängt Wertschätzung an - "Wert"- Schätzung.
Das ist vielleicht sogar die schwierigere Seite wertschätzender Führung. Wenn diese Entscheidungen getroffen werden, kann man das Gewissen sehr schnell mit Sachargumenten beruhigen. Die Betroffenen sitzen auch meist nicht mit am Tisch. Dann lassen sich diese Entscheidungen gewöhnlich nur schwer korrigieren, im Gegensatz zu individuellem Verhalten. Darum ist es nötig auch diese Auswirkung von wertschätzender Führung einmal deutlich zu machen.