Freitag, 14. Dezember 2018

Fühlen sie sich bei der Arbeit wohl?

Wenn ja, warum?

Die ZEIT hat sich in ihrer Jahresrückblicksausgabe mit der Frage beschäftigt, wie sich die arbeitende Bevölkerung fühlt. Dazu wurden 1000 erwerbstätige Menschen quer Beet durch alle Beschäftigtengruppen befragt. Kritisch könnte man dazu anmerken, dass die Ergebnisse einer so breit angelegten Befragung doch sehr allgemein sind. Rückschlüsse auf sicher vorhandene Unterschiede in Branchen oder bestimmten Beschäftigtengruppen sind auf Grund der geringen Fallzahlen nicht mehr möglich.
Am wichtigsten ist über 80% der Befragten, dass sie sich bei der Arbeit wohlfühlen. Über 60% geben auch an, dass dem so ist. Dass der Wohlfühlfaktor eine so große Rolle spielt, ist allerdings nicht überraschend oder eine neue Tendenz. Das haben ähnliche Befragungen in der Vergangenheit auch schon gezeigt. Auch die Höhe des Entgeltes hat gewöhnlich nicht die Bedeutung. Danach hat die ZEIT erst gar nicht gefragt. Der Wunsch nach der langfristigen Sicherheit des Arbeitsplatzes landete in dieser Umfrage auf Platz zwei. Das Wohlfühlen am Arbeitsplatz dürfte allerdings entscheidend mit diesem Punkt zusammenhängen. Ist der Arbeitsplatz gefährdet, läßt das Wohlsein bei der Arbeit ziemlich rapide nach.
Die in den Medien vielfach geschürte Angst vor Arbeitsplatzverlusten in Folge der Digitalisierung scheint bei den Befragten allerdings noch nicht angekommen zu sein. Über 60% schätzen die langfristige Sicherheit ihres Arbeitsplatzes als zufriedenstellend ein.
Etwas überraschend ist die geringe Bedeutung, die die Ausgestaltung der Arbeitszeit offensichtlich für die Beschäftigten spielt. Die Wichtigkeitswerte zu diesen Fragen liegen unterhalb der 40%-Grenze. Dazu passt, dass auch betriebliche Angebote zu körperlicher Fitness oder gesunder Ernährung nicht für wichtig gehalten werden.
Nachdenklich machen muss, dass für 80% das Wohlfühlen bei der Arbeit wichtig ist, aber nur gut 60% dieses Empfinden auch haben. Was ist mit den übrigen? Fühlen die sich nicht wohl? Und wenn ja, warum? Was ist mit denen, denen es möglicherweise egal ist? Sind das die, die innerlich gekündigt haben?
Dazu gibt die Befragung leider nichts her. Auch wenn das Wohlfühlen durch die individuellen Erwartungen der Beschäftigten beeinflußt sein dürfte, kann man zwei entscheidende Faktoren ausmachen: das Verhalten der Vorgesetzten und das Verhältnis unter den Kollegen. Wobei auch letzteres in gewissem Maße durch das erste beeinflußt wird.
Wertschätzende Führung schafft die Voraussetzung dafür, dass die Mitarbeiter sich wohlfühlen können. Das ziehen diese jedem noch so gut gemeinten "Rahmenprogramm" des Arbeitgebers vor. Nun scheint es Unternehmen zu geben, die nach der Devise handeln "Die Leute sollen sich nicht wohlfühlen, die sollen was schaffen. Schließlich werden sie dafür bezahlt." Wobei die Bezahlung gerade bei diesen dann nicht so üppig ausfällt. Sie sollten vielleicht einmal einen Blick auf ihren Krnakenstand oder die Fluktutionsrate werfen. Die sind vielleicht nicht so toll - und die Leistungsbereitschaft der Leute auch nicht.




Freitag, 7. Dezember 2018

Wie soll die neue Schule aussehen?

Ist die Digitalisierung wirklich das größte Problem?

Wenn man die aktuelle bildungspolitische Diskussion verfolgt, hat man den Eindruck, dass viele Probleme schon gelöst seien, wenn die Schulen über gutes WLAN verfügen, die Schüler mit Tablets ausgerüstet sind und in allen Klassenräumen ein Whiteboard steht. Natürlich ist die Ausstattung mit zeitgemäßem Equipment notwendig, aber sie ist nur ein erster und wahrscheinlich nur ein kleiner Schritt in die Zukunft. Um das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, sollte man sich an den alten Spruch erinnern "Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben". Die Digitalisierung beeinflußt zwar unser Leben, aber sie ist nicht das Leben. Es ist nicht nur semantische Kleinkrämerei, wenn man darauf hin weist, dass man Schüler nicht auf die Digitalisierung vorbereiten sollte, sondern auf ein Leben in einer komplexen Welt, die sie immer wieder vor Entscheidungen in Situationen voller Ungewissheit stellt. Schüler müssen nicht Programmieren lernen, aber sie müssen die Basics beherrschen, Lesen, Schreiben, Rechnen. Sie müssen lernen mit einer Fülle von Informationen umzugehen und sie müssen lernen, sich mit Werten auseinanderzusetzen.
Wenn ich Jugendliche sehe, die stundenlang mit dem Handy "rumspielen", aber nicht in der Lage sind ein knappes Anschreiben für eine Bewerbung mit Hilfe von Word zu erstellen, stimmt etwas nicht. Sie tun sich schon mit der Technik Word schwer, aber noch schwieriger wird es einen Text zu formulieren und richtig aufs Papier zu bringen.
Darum ist die Initiative der Bundesregierung zu begrüßen, fünf Milliarden den Ländern für die Schulen zur Verfügung zu stellen. Sogar das Grundgesetz wird dafür geändert. Hoffentlich ist das der Einstieg in den Ausstieg aus dem Bildungsföderalismus. Die Überwindung des Föderalismus gerade im Bildungsbereich muss der erste Schritt sein, um unser Schulsystem auf die Zukunft auszurichten.
Die sogenannten Verantwortlichen in der Wirtschaft sollten gerade in diesem Punkt mehr Einfluß auf die Politik ausüben, anstatt naturwissenschaftliche Spielereien in der Kita zu fordern.

Sonntag, 25. November 2018

Prekäre Arbeitsverhältnisse ?

Von Gebäudereinigern redet niemand, wenn es um die neue Arbeitswelt geht

Gerade im Radio ein Interview mit einem Gebäudereiniger gehört. Er hat am Monatsende etwas über 1.100 Euro Netto auf dem Lohnzettel. Nach jeder Tariferhöhung werden die Zeitvorgaben für die zu reinigenden Räume gekürzt. Trotz gesetzlichem und tariflichem Mindestlohn.

Das ist die Folge des Kostendrucks unter dem die Auftraggeber der Reinigungsunternehmen stehen. Wer den günstigsten Preis bietet, bekommt den Auftrag. Auch wenn das ein sinvolles Prinzip ist, kommt es irgendwann an Grenzen. Nämlich dann, wenn die am Ende der Rationalisierungskette nicht mehr genug Geld für die Miete haben und vom Staat Unterstützung brauchen. Dann müssen wir alle zahlen.

Blicken wir in die Zulunft. Werden die Büros eines Tages von Robotern gereinigt und die Gebäudereiniger können sich endlich kreativen Tätigkeiten widmen mit denen sie ordentliches Geld verdienen, wie es die Digitalisation Evangelists predigen? Ich kann mir aus heutiger Sicht noch keinen Roboter vorstellen, der in vier Minuten ein Büro reinigt einschließlich Papierkorbleerung.



Freitag, 23. November 2018

Atypische Arbeitszeiten

25 Prozent der Beschäftigten arbeiten am Wochenende

So betitelte Spiegel Online eine Meldung am 15.11.. Es ging darin um Daten zu sogenannten atypischen Arbeitszeiten, die die Fraktion der Linken von der Bundesregierung erfragt hatte. Es mag sein, dass die Bundesregierung in ihrer Antwort differenzierter war. Der Text von Spiegel Online pointiert jedoch genau die Informationen, die in das Bild vom ständig steigenden Leistungsdruck durch immer flexiblere Arbeitzeiten passen.
Nun habe ich an dieser Stelle selbst oft genug vor dieser Entwicklung gewarnt. Und es besteht auch absolut kein Grund zur Entwarnung. Nur, etwas differenzierter sollte man mit dem Thema schon umgehen.
Da steht zum Beispiel, dass jeder vierte Beschäftigte am Wochenende arbeitet. Am stärksten betroffen davon sind die, die im Gastgewerbe arbeiten und in den Bereichen Kunst, Unterhaltung und Erholung. Das ist nicht weiter verwunderlich. Es wird auch nicht erwähnt, inwiefern es vielleicht Ausgleichsregelung mit freien Tagen unter der Woche gibt.
Ähnlich sieht es mit den Zahlen zum Nacht- und Schichtdienst aus. Davon ist jeder siebte Beschäftigte betroffen. Auch hier gibt es, meist tarifvertraglich geregelt, Zeitausgleich in Form von Freiblöcken. Darüberhinaus gibt es Zuschläge zum Entgelt.
Problematischer ist da schon die Zahl, dass 1,6 Millionen Menschen 49 Stunden oder mehr in der Woche arbeiten. Allerdings wird nicht erwähnt in welchen Bereichen das der Fall ist.
Die wirklichen Problemgebiete der Arbeitszeit dürften mit solchen Anfragen kaum erfasst werden. Zum Bespiel wie manche Arbeitgeber versuchen mit längeren Arbeitszeiten den gesetzlichen Mindestlohn auszuhebeln versuchen. Oder wie eine zunehmende Zahl von formal selbständigen Einzelkämpfern, beispielsweise als Subunternehmer in der Paketauslieferung oder in der Möbelmontage, mit ungeregelten Arbeitszeiten zurechtkommen müssen. Noch weniger erfassbar ist die zunehmende Entgrenzung von Arbeits- und Privatzeit.
Alle Befunde zusammengenommen zeigen, dass man die Arbeitszeit nicht dem sogenannten freien Markt überlassen kann. Hier gibt es nur einige wenige "gleichberechtigte" Marktteilnehmer, die auf Augenhöhe miteinander verhandeln können. Die meisten anderen müssen nehmen, was sie geboten bekommen. Insofern sind Tarifverträge immer noch das Mittel der Wahl.
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Montag, 19. November 2018

Mythos Generation Y,Z u.s.w.

Etiketten für Jugendgenerationen sind nicht zutreffend

Unter diesem Titel habe ich hier schon öfter gepostet. Nun wurden meine kritischen Äußerungen zu den vollmundig, plakativen Beschreibungen dieser sogenannten Generationen auch empirisch bestätigt. Der Soziologe Martin Schröder hat sich bisherige Studien zu dem Thema angeschaut und war "entsetzt, auf was für fragwürdigen Annahmen und Methoden die bisherigen Studien zu Generationen basieren" (zit. nach ZEIT Nr 47, 15.11.) Er weist darauf hin, dass man beim Vergleich  der Einstellungen von Jugendlichen über Generationen hinweg keine statistisch relevanten Unterschiede findet. Wenn heutige Heranwachsende andere Einstellungen haben wie ihre Eltern, ist das kein neues Phänomen. Das traf schon auf die Jugendlichen in der Antike zu und wurde bereits zu dieser Zeit heftig kritisiert, wie wir ja wissen. Wenn diese Jugendlichen heute anders denken, wie die vor 20 oder 50 Jahren, dann liegt das auch daran, dass sich die Einstellungen in der Gesellschaft insgesamt geändert haben. Gerade dieser Effekt wird in vielen sogenannten Generationenstudien meist vernachlässigt. Auch Schröder kritisiert darüberhinaus, dass "die Formulierungen immer unglaublich schwammig" sind.  Beispiel: "Die neue Generation sucht in einer unsicheren Welt einen sicheren Platz." Wer tut das nicht? Auch die ansonsten renommierte Shell-Jugendstudie nimmt er hier nicht aus und weist auf Widersprüche in deren Aussagen hin.
Also, liebe KollegInnen vom Personalmarketing, hört nicht auf das Geschwafel von den neuen Generationen. Wenn Ihr glaubhaft rüberbringen könnt, dass im Unternehmen wertschätzend geführt wird, sprecht ihr alle potentiellen Bewerber treffsicher an. Eine Zielgruppe besonders zu betütteln ist angesichts des Nachwuchsmangels außerdem fahrlässig.

Montag, 12. November 2018

Kann digitale Arbeit menschlich sein?

Wie man über dieses Thema auch differenzierter reden kann

Unter der oben zitierten Frage ist in der letzten ZEIT ein lesenswerter Artikel von Prof. Lisa Herzog erschienen. Fairerweise muss man allerdings erwähnen, das ihr wesentlich mehr Raum gegeben wurde, als Herrn Horx in der Ausgabe davor. Vielleicht wären ja auch ihm dann noch ein paar differenziertere Argumente eingefallen.
Unter anderem weist sie auf die zentrale Bedeutung des "Eigentums" hin. Wem gehören die modernen Produktionsmittel Software und Daten? Diese Frage wird von der sonst üblichen Zukunfts-Lyrik kaum gestellt. Technische Entwicklung allein führt noch nicht zu dem von den Digitalisation Evangelists herbeigepredigten paradiesischen Zustand. "Um die Digitalisierung der Arbeitswelt zu verstehen, muss man sie im Konsens einer Geschichte der Macht betrachten. Denn sie trifft unsere Gesellschaft in einer historischen Lage, in der die soziale Ungleichheit enorm ausgeprägt ist und in der es demokratischer Politik immer weniger zu gelingen scheint, Märkte zum Wohle aller Gesellschaftsmitglieder zu gestalten."
Ohne politisch regulierenden Einfluß wird digitale Arbeit nicht menschlich werden.
Bevor man so etwas vorschnell als linkes Gedankengut abtut, lohnt es sich darüber mal in Ruhe nachzudenken. Das ist sinnvoller, als das Gerede vermeintlicher Trend-Gurus nachzuplappern.

Freitag, 9. November 2018

Was hat ein Schönheits-Designer mit Künstlicher Intelligenz zu tun?

Es ist einer von tollen, neuen Jobs, die durch die Entwicklung der KI entstehen.

Ebenso wie Konnektoren, Traffic-Manager oder Achtsamkeitsagenten. Jedenfalls sieht das der Trend-Guru Matthias Horx so. (ZEIT Nr. 45, 31.10.) Was immer diese Leute machen werden, "es sind sozial wirksame Berufe". Sie sind das Sinnbild dafür, dass "die kommende Arbeitsgesellschaft zu einer humanen..." transformiert wird. Für Horx ist klar, dass "über kurz oder lang ...die künstliche Intelligenz dazu führen (wird), dass wir uns vom Joch industrieller Lohnarbeit und ihren funktionalen Zwängen emanzipieren können."
In dem Artikel warnt er vor zuviel Angst vor der künstlichen Intelligenz. Die Debatte sei so "vollgestopft mit Klischees, Ängsten und Mißverständnissen.." Und er selbst trägt mit dazu bei. Er strickt kräftig mit an den Klischees und Mißverständnissen. Zwar erzeugt er keine Ängste, dafür übertüncht er die Zukunft mit kitschig rosaroter Farbe. Genauso wenig empirisch fundiert, wie die Bedenkenträger.
Woher nehmen diese Propheten eigentlich die Gewißheit dass die technologische Entwicklung quasi automatisch zu einer humaneren Arbeitswelt führt? Anstatt nur in die Zukunft sollten sie ausnahmsweise einmal mit etwas mehr Demut in die Vergangenheit schauen. Eines der Klischees, die immer wieder im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz zu hören sind, ist der Spruch, dass wir von Routinetätigekeiten befreit werden und damit mehr Zeit für kreative Jobs haben. In diese Kerbe haut auch Horx. Dabei ist es eine stehende Erfahrung, dass durch technischen Fortschritt bedingte Produktivitätsgewinne möglichst abgeschöpft werden, um eine Produktivitätssteigerung zu erreichen. Dass finden wir auch aktuell immer wieder bestätigt. Die Leistungsverdichtung nimmt eher zu. Und ob die sich auflösende Trennung zwischen Arbeits- und Privatsphäre zur Humanisierung beiträgt, kommt auch auf den jeweiligen ideologischen Blickwinkel an. Wenn im Laufe der industriellen Entwicklung Humanisierungsfortschritte erzielt wurden, war das nie allen dem technischen Fortschritt zu verdanken, sondern sehr viel mehr "politischer" Aktivität - Stichwort "Arbeiterbewegung".
Herrn Horx und seinen Kollegen sei als Kontrastprogramm mal wieder die Lektüre des Kommunistischen Manifestes von Karl Marx empfohlen. Mit dessen Gedanken kann man vielleicht auch einen differenzierteren Blick in die Zukunft gewinnen. Genauso wenig wie Ängste und Bedenken ist übertriebene Euphorie angebracht. Vor allem sollte man sich bewußt sein, dass die Komplexität der Entwicklung präzise Prognosen äußerst schwer macht.