Mittwoch, 12. Februar 2014

Das Gerede von der Work-Life-Balance

Ab welcher Hierarchiestufe gibt es keine Work-Life-Balance mehr? Diese Frage muss man in der Tat stellen, wenn man Berichte über das Arbeitsleben von Top-Führungskräften liest. In dem ZEIT-Artikel vom 6.2. (s. auch meinen letzten Post Manager unter Druck) wird der CEO einer Bank zitiert "Wenn ich abends nach Haus kam, kannte mich nicht einmal mehr unser Hund." Oder eine ehemalige Vorstandsfrau über die Einsamkeit durch den Verlust von Freunden: "Wenn du zum siebten Mal eine Einladung absagst, die deinetwegen genau auf diesen Termin gelegt wurde, fragt dich keiner mehr ein achtes Mal." Braucht es erst ein Burn-Out, wie in einem anderen Beispiel aus dem Artikel, um den Anstoß zu bekommen kürzer zu treten?

Wie gehen diese Führungskräfte mit ihren Mitarbeitern um? Sehr wahrscheinlich nach dem schönen Motto "Er/sie verlangte von seinen Mitarbeitern nichts, was er nicht auch von sich selbst verlangte" Kann man von diesen Menschen erwarten, dass sie in ihren Unternehmen für Work-Life-Balance sorgen? Sie werden aber sehr wahrscheinlich vollmundig davon reden, wenn sie sich eine Viertelstunde Zeit nehmen, um den Betriebskindergarten zu eröffnen. Ich höre auch immer wieder von jüngeren Beschäftigten, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen, Klagen über die hohe Arbeitsbelastung. Auch der Betriebskindergarten  - so er denn vorhanden ist - kann nicht verhindern, dass die Mitarbeiter individuell einem hohen Leistungsdruck ausgesetzt sind. Studien bestätigen immer wieder, dass hoher Lesitungsdruck und lange Arbeitszeiten keinesfalls die Arbeitsproduktivität erhöhen. Das gilt auch für Vorstände. Ich kenne durchaus Vorstandsmitglieder, die nicht nur am Sonntagnachmittag frei haben.
Sollte man nicht gerade von einer Top-Führungskraft soviel Eigenständigkeit erwarten können, dass sie auch Herr oder Frau ihrer eigenen Arbeitszeit ist? Ist es ein gutes Zeichen, wenn ein Top-Manager so fremdgesteuert ist? Muss man wirklich noch an jeder möglichen externen Veranstaltung teilnehmen, um Präsenz zu zeigen? Ist das Netzwerken für die eigene Karriere immer wichtiger als die Familie?
Angeblich soll ja die vielzitierte Generation Y hier eine andere Einstellung in die Unternehmen bringen? Ich bin gespannt, wie deren Angehörige sich beim Marsch durch die Hierarchie noch verändern.
Aber sehr wahrscheinlich ist es mit der Generation Y wie mit der Work-Life-Balance. Es wird darüber geredet ohne dass in der Realität davon viel spürbar ist.
Übrigens: wer redet von der Work-Life-Balance eines Paketzustellers oder einer Friseurin, die am Wochenende noch kellnert, um über die Runden zu kommen?