Mittwoch, 27. Juli 2016

Üben sie Macht aus?

Nein! - Zumindest soweit es sie als Führungskraft betrifft.

Mit dem Machtbegriff wird heutzutage ziemlich locker und unpräzise umgegangen. Wie oft liest und hört man, dass Politiker und Manager Macht ausüben. Doch tun sie das wirklich? Was versteht man eigentlich unter Macht? Die, die das Wort benutzen, halten es für unnötig, sich darüber Gedanken zu machen. Doch gerade, wenn es um Führung geht, kann es helfen sich mit dem Begriff auseinanderzusetzen. Zunächst wäre es dann notwendig, eine Definition zu finden.
Für mich immer noch die klarste und damit brauchbarste, wenn auch sperrig formuliert, ist die von Altmeister Max Weber. 

Er definiert Macht als "jede Chance innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleiviel worauf diese Chance beruht."
Eine Führungskraft in einer organisatorischen Organisation setzt in der Regel nicht ihren eigenen Willen durch, sondern die vorgegebenen Ziele der Organisation. Diese kann er bestenfalls so verinnerlichen, dass sie nach außen als sein eigener Wille erscheinen. Gewiß muss er die Ziele manchmal auch "gegen Widerstreben" durchsetzen, entscheidend aber ist, dass die "Chance", dass ihm das gelingt ausschließlich aufgrund seiner Funktion als von der Unternehmensleitung beauftragte Führungskraft besteht.
Weber stellt der Definition von Macht die der Herrschaft gegenüber: "....soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden. Damit sind wir genau bei der Form von Führung, um die es in Unternehmen geht, auch wenn dort natürlich der Begriff "Befehl" mittlerweile tunlichst vermieden wird. (Was auch leicht fällt, weil es mittlerweile sehr viel subtilere Methoden gibt mit griffigeren Etiketten, die aber dieselbe Wirkung zeigen.)
Als Führungskraft üben sie also keine Macht aus sondern bestenfalls Herrschaft. Ihre Anweisungen können nur bei den Ihnen nachgeordneten Mitarbeitern die Chance auf Gehorsam finden. Nach Feierabend hat ihre Rolle als Chef in den anderen sozialen Beziehungen, in denen sie leben, keine Relevanz mehr. Sie können sie höchstens über die mit dieser Rolle verbundenen Statussymbole - z.B. Firmenwagen, Handyanrufe - ihrer Umgebung vermitteln.
Damit sind wir auch schon beim praktischen Nutzen den diese Definitionen im Führungsalltag stiften können. Eine Führungskraft "findet Gehorsam" bei den Mitarbeitern nur im Rahmen der Vollmachten, die sie im Rahmen der Organisation hat. Dessen sollte sie sich bewußt sein. Insbesondere hochrangige Manager leben oft in einem Machtgefühl, das ihnen die Einbildung verschafft, über andere mehr oder minder beliebig verfügen zu können. Gerade Vorstände verlieren oft das Gefühl, dass auch sie Teil der Organisation sind. Sie schaffen für sich Sonderregelungen oder Privilegien, die für normale Mitglieder nicht gelten. Wenn ein Vorstandsmitglied die Einstellung seiner Tochter trotz ansonsten geltendem Einstellungsstop durchdrückt, dann versucht es seine legitimen "Herrschaftsbefugnisse" auszudehnen und Macht auszuüben. Das steht ihm nicht zu. Insofern können diese Definitionen und die Reflexion darüber einer Führungskraft helfen "nicht aus der Rolle zu fallen." Darin steckt auch die Chance zur Demut, was auch für Chefs keine schlechte Eigenschaft ist.