Freitag, 5. Mai 2017

Wertschätzende Zusammenarbeit im Alltag

Im Rahmen einer grundlegenden Umorganisation eines Unternehmens wird eine Abteilung aufgelöst. Deren Aufgaben werden an einem anderen Standort übernommen. Es wird ein Meeting angesetzt, um die Übergabe vorzubereiten. Die aktuelle Abteilungsleiterin meldet sich bei der zukünftig Verantwortlichen, um die Agenda des Meetings zu planen und fragt, was sie denn für Fragen habe. Darauf antwortet diese: "Ich möchte in den drei Tagen ihre gesamte Erfahrung aufnehmen."
Das heißt im Klartext: Mir reichen drei Tage, um Dein Know How und Deine Erfahrung aufzunehmen. Mehr ist zur Bewältigung dieses Jobs nicht nötig. Wir können das eh besser, wie ihr.
Da es sich um ein reales Beispiel aus jüngster Vergangenheit handelt, muss ich hier auf Details verzichten. Ich denke aber, das ist unerheblich.

Gerade in (Um-) Organisationsprojekten wird den Betroffenen oft der Eindruck vermittelt, dass ihre Arbeit in der Vergangenheit wenig wert war. Zu teuer, zu langsam, zu ineffizient, das ist oft die Botschaft die aus den Begründungen für derartige Projekte bei den Empfängern ankommt - und auch ankommen soll.
Die Kommunikation von Change-Projekten ist ein schwieriges und frustrierendes Geschäft bei dem man nie mit positiver Resonanz rehnen kann. Man muss sie aber nicht noch durch grundlegende Fehler erschweren. Denn auch demjenigen gegenüber, dessen Job wegrationalisiert wird, kann man sich respektvoll und damit wertschätzend verhalten. Man muss ihm nicht noch zusätzlich gegen das Schienbein treten, in dem man ihn zwischen den Zeilen spüren läßt: hättest du besser, billiger, schneller gearbeitet, gäbe es deinen Job noch. Als Nebeneffekt gelingt es vielleicht sogar, den allfälligen Widerstand etwas zu reduzieren.
Gerade bei Rationalisierungsprojekten, noch dazu, wenn sie mit Betriebsschließungen und Personalabbau einhergehen, geht Wertschätzung im wahrsten Sinne des Wortes systematisch verloren. Aus meiner eigenen leidvollen Erfahrung mit Sozialplänen weiß ich, dass es "am Ende des Tages" nur eine Frage gibt: Wurde das Abbauziel zum festgelegten Zeitpunkt erreicht? Dann interessiert noch nicht einmal mehr die Frage, was hat es gekostet?