Montag, 3. April 2017

Selbstbestimmte Arbeit

Mehr Gerede als Wirklichkeit

Der schwedische Wirtschaftswissenschaftler Brunsson hat bereits vor vielen Jahren festgestellt, dass unternehmerische Selbstbeschreibungen "Fassadenpräsentationen" sind, die oft weng mit dem zu tun haben, was sich auf der betrieblichen "Hinterbühne" ereignet. Im Gegenteil, je mehr nach außen darüber geredet wird, desto mehr Handlungsbedarf besteht im Inneren. Er hat diesen Befund sinnigerweise im Rahmen der Einführung demokratischer Führungsstrukturen in schwedischen Unternehmen beobachtet. Auch wenn sich im Unternehmen diesbezüglich wenig verändert hat, waren die Plädoyers für mehr Demokratie nach außen um so intensiver. (Zit. nach OE Ausg.1/17)
Diese Erkenntnis würde sich sehr wahrscheinlich auch bestätigen, wenn man die vollmundigen Sprüche aus dem Personalmarketing vieler Unternehmen an der innerbetrieblichen Wirklichkeit messen würde.
Noch mehr zeigt sich dieses Phänomen nach meiner Ansicht in der Vielzahl von Verlautbarungen, die von der zunehmenden Selbstbestimmung der Beschäftigten reden. Die realistischeren von ihnen beschwören wenigstens nur, dass die Arbeit der Zukunft nur von weitgehend selbstbestimmt und selbständig arbeitenden Menschen bewältigt werden kann. Manche aber tun so, als sei das gewissermaßen eine automatische Entwicklung. Im Gleichschritt mit der technischen Entwicklung entwickeln sich auch die Arbeitsbedingungen weiter. Für die Romantiker unter den Gurus der Arbeitswelt wendet sich damit alles zum Guten.
Glücklicherweise gibt es jedoch auch immer wieder Veröffentlichungen, die den Blick in die realen Arbeitsbedingungen nicht scheuen. Und dort ist von vielen prekären Arbeitsverhältnissen die Rede, von immerwährenden Umgehungen des gesetzlichen Mindestlohnes, von vielen Arbeitsverhältnissen auf Abruf, von Entgrenzung zwischen Arbeits- und Privatsphäre und von zunehmender Rationalisierung der Büroarbeit durch Zerlegung in kleinere Arbeitsschritte. Gerade der letzte Punkt zeigt deutlich, dass es aktuell eher in eine andere Richtung geht. Der Trend geht mehr hin zu Standardisierung und Automatisierung so vieler Arbeitsschritte wie möglich. Parallel dazu gibt es den Trend der möglichst allumfassenden Vermessung der Arbeit. So viele Prozesschritte wie möglich werden mit Messgrößen belegt. Dahinter steckt die Absicht, die Arbeitschritte kontinuierlich zu optimieren.
Wenn die Arbeit über Kenngrößen gesteuert wird und das Ziel heißt "kontinuierliche Verbesserung", dann bleibt für Selbstbestimmung wenig Raum. Wenn sie Glück haben, bleiben den Mitarbeitern im Rahmen der Vorgaben gewisse Entscheidungsfreiheiten.
"Abhängige" Arbeit als "Arbeitnehmer" ist zum größten Teil immer fremdbestimmt und aktuell sieht es so aus, als ob dieser Anteil mehr und mehr ausgedehnt wird.