Freitag, 10. März 2017

Was ist denn eigentlich die Wissensgesellschaft?

Und was machen Wissensarbeiter in ihr?

In der aktuellen Ausgabe von Brand Eins, die sich dem Schwerpunkthema "Neue Arbeit" widmet, ist gleich in dem Eröffungsartikel, überschrieben mit "Gute Arbeit", - wie könnte es anders sein - mehrfach von der Wissensgesellschaft und den Wissensarbeitern die Rede. Ohne diese beiden Phänomene kommt kein medialer Beitrag zu dieser Thematik mehr aus. Aber auch bei Brand Eins ist es nicht anders, wie in den meisten anderen Verlautbarungen dieser Art. Es wird davon geredet ohne zu sagen, was man damit meint. Meistens wird der Eindruck erweckt, als wäre der Begriff "Wissensgesellschaft" die allumfassende Kennzeichnung der kommenden oder gar schon existierenden Gesellschaft in der nur noch "Wissensarbeiter" beschäftigt sind.
Doch schon bei oberflächlicher Betrachtung merken, dass dem noch lange nicht so ist und sehr wahrscheinlich uch nie so sein wird.
Versuchen wir es deshalb einmal mit Definitionen der beiden Begriffe.
Zu "Wissensgesellschaft" steht bei Wikipedia direkt im einleitenden Absatz: "Der gesellschaftsanalytische Wert des Begriffs ist umstritten." Durch die meisten Erklärungen zieht sich dann der Hinweis, dass die Wissensgesellschaft die Industriegesellschaft ablöst und das Wissen als zusätzlicher Produktionsfaktor neben Kapital, Arbeit und Boden tritt. Präzisere Angaben, wodurch genau sich dieser Gesellschaftszustand auszeichnet fehlen meist. Man liest dann undeutliche Formulierungen, wie "wachsende Bedeutung von Wissen und wissensbasierten Tätgkeiten". Nun ist diese Aussage ja nicht falsch. Aber war Wissen nicht schon immer eine entscheidende Voraussetzung um die klassischen Produktionsfaktoren erfolgreich miteinander zu kombinieren? Man denke nur an die Anfänge der Industriegesellschaft mit ihren bahnbrechenden Erfindungen. Welches Wissen war dazu notwendig und welches Wissen für den erfolgreichen Einsatz dieser Technik - im Verhältnis zum damals vorhandenen Wissen - wurde den Zeitgenossen abverlangt?
Noch schlimmer ist es mit den Wissensarbeitern. Das Fraunhofer Institut definiert sie als "hochqualifiziert....mit besonderer wissenschaftlicher oder akademischer Ausbildung." Das ist präzise, aber damit würden schon viele andere, die sich auch dafür halten und von den Medien so tituliert werden, durch den Rost fallen. Am anderen Ende steht der immer wieder so bezeichnete Management-Vordenker Peter Drucker, der auch in Brand Eins mit dem Satz zitiert wird: "Ein Wissensarbeiter ist jemand, der mehr über seine Tätigkeit weiß, als jeder andere in der Organisation."
Da stecken sicher interessante Hinweise drin. Aber in jeder größeren Organisation gibt es Dutzende von Beschäftigten, die davon überzeugt sind, dass außer ihnen selbst von ihrer Tätgkeit niemand eine Ahnung hat.
Eine Wissensgesellschaft sollte auch dadurch gekennzeichnet sein, dass sie in der Lage ist vorhandenes Wissen und vor allem Nichtwissen zu reflektieren und nicht einfach Begriffe nachzuplappern, nur weil sie gerade in sind. Also wenn sie sich als Wissensarbeiter profilieren wollen, versuchen sie es mal mit differenzierter Argumentation und hinterfragen sie die wohlklingenden Schlagwörter, die ihnen täglich so um die Ohren fliegen.