Freitag, 29. Juli 2016

Firmen fördern Schlaf

Stellen sie sich vor, ihr Arbeitgeber händigt ihnen eines dieser Self-Tracking-Geräte aus und bittet sie, damit ihr Schlafverhalten aufzuzeichnen und ihm mitzuteilen. Wenn sie kontinuierlich eine bestimmte Stundenzahl an Schlaf - nachts versteht sich - nachweisen, bekommen sie eine Prämie. Was auf den ersten Blick wie ein verspäteter Aprilscherz klingt, wird offensichtlich in den USA von verschiedenen Firmen schon praktiziert.
Jedenfalls war es dieser Tage so in einer durchaus seriösen Pressemitteilung zu lesen. Die Unternehmen bieten das natürlich auf freiwilliger Basis an - wobei man genauer hinschauen müsste, wie diese Freiwilligkeit aussieht. Da kommt eines Tages der CEO mit einem solchen Gerätchen am Arm an und erklärt seinen Managern, was das tolle Ding alles könne und dass ein Mitarbeiter, der sich für die Firma engagieren soll, sein Mindestmass an Schlaf braucht. Er selber habe kein Problem damit und sei froh, dass sein Arbeitgeber seine Gesundheit fördert. Was glauben sie, wie schnell eine nennenswerte Zahl von Mitarbeitern so ein Gerät nutzt? Selbstverständich werden die Daten nicht in der Firma sondern von einem Dienstleister ausgewertet. Aber irgendwie  muss der Arbeitgeber ja schon an die Information kommen, wer wie lange schläft, sonst macht die Aktion ja keinen Sinn.
Manchmal kann man auch froh darüber sein, dass es in Deutschland einen etwas formalistischen Datenschutz und vor allem, in vielen Unternehmen noch, einen Betriebsrat gibt, der sich solcher Dinge annimmt.
Das Beispiel mag - noch - überzogen und karrikiert wirken. Fakt ist, dass es solche Geräte bereits in verschiedensten Versionen gibt und Selbst-Optimierung voll im Trend liegt. Also gibt es bei vielen eine Offenheit dafür und es liegt nahe, dass Unternehmen überlegen, wie sie sich das zu Nutze machen können. Die Krankenversicherungen sind ja auch schon auf diesem Trip.
Nach meiner Ansicht kommen wir hier in einen Bereich, wo eine sehr intensive und unvoreingenomme Diskussion stattfinden muss, die in klare Regeln mündet. So sehr ich mich ansonsten gegen zuviel Regelung wehre, den Schutz der Privatspähre kann man nicht der sogenannten Eigenverantwortung der Unternehmen überlassen. Abgesehen davon muss man auch die Frage nach der empirischen Belastbarkeit und Seriosität dieser Daten stellen. Informationen aus dem Privatbereich gehen den Arbeitgeber nichts an. Und er braucht sie auch nicht. Die Führungskräfte müssen einen Blick dafür haben, wer wie leistungsfähig ist. Wenn jemand seine Leistung nicht erbringt, muss die Führungskraft das erkennen und Mittel und Wege finden den Zustand zu verbessern. Die Informationen aus Self-Tracking-Geräten braucht sie dazu nicht.
Um aber überzogene und schwer handhabbare Regelungen zu verhindern muss in der Tat eine Diskussion stattfinden über die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben. Diese Diskussion muss in erster Linie in den Unternehmen selbst geführt werden, in deren individueller Situation und nicht auf abstrakter, "politischer" Ebene.