Freitag, 24. Juni 2016

Ist die informale Organisation am Ende?

Zumindest scheint ihre Bedeutung und Funktion in Vergessenheit geraten zu sein. Darum nochmal zur Erinnerung: die informale Organisation entwickelt sich in der formalen Organisation aus den persönlichen Beziehungen der Beschäftigten zueinander. Sie kann zum Funktionieren der "offiziellen" Organisation beitragen, sie kann es aber auch erschweren.
Der positive Einfluß, der nach meiner Erfahrung überwiegt, äußert sich meistens im Pragmatismus des "kurzen Dienstwegs" auf dem die Mitarbeiter sich über eine einfache Lösung eines Problems verständigen. Sie umgehen damit in der Regel komplizierte oder umständliche Anweisungen oder Vorschriften, die in ihrer Allgemeingültigkeit nicht alle vorkommenden Einzelfälle regeln können. In diesen Fällen ist sie von Vorteil und trägt wesentlich zum Erreichen der Organisationsziele bei. Zum Nachteil kann die informale Organisation beispielsweise bei Veränderungen werden, indem sie an überkommenen Abläufen festhält und diese auch noch praktiziert, wenn sie eigentlich schon abgeschafft sein sollten.  Überhaupt finden die tatsächlichen oder vermeintlichen Change-Opfer vor allem hier das Gehör für ihre Klagen und eine Bestätigung des Leids, das ihn zugefügt wurde. Daraus kann, wenn nicht sogar Widerstand, zumindest doch eine Bremswirkung auf den Veränderungsprozeß ausgehen.
Man kann allerdings festhalten, dass die informale Organisation um so mehr zum Funktionieren des Gesamtsystems beiträgt, je starrer und detaillierter dessen Regel- und Vorschriftenwerk ist. In diresen Fällen gleicht sie durch ihren Pragmatismus die fehlende Flexibilität der formalen Organisation aus.
Da die informale Organisation nicht berechenbar ist, wird immer wieder versucht ihren Einfluß möglichst gering zu halten oder ganz auszuschalten.
Am wirkungsvollsten scheint das mit elektronischen Workflows zu gelingen. Wo ein Prozeß vollkommen automatisiert wird, sind keine persönlichen Kontakte zwischen den Beteiligten mehr notwendig,  um ihn abzuarbeiten. Und wenn ein Problem auftaucht oder ein Sonderfall, der in dem, Workflow nicht vorgesehen ist, dann nützen auch die informalen Beziehungen nichts, wenn die Mitarbeiter nicht eingreifen können. Das hat zwar Vorteile im Hinblick auf Standardisierung und dait Schnelligkeit, läßt aber keinen Raum mehr für individuelle Anforderungen (z.B. Kundenwünsche) und Sonderfälle. Kommt es gar zu einem Störfall, muss dieser mit einem speziellen Incident-Management gelöst werden. Auch damit weniger Raum für die informale Organisation.
Ist sie also am Ende diese "Schattenorganisation"? Weil sich offenbar doch ein Gefühl für die Notwendigkeit von persönlichen Beziehungen über, unter oder neben der "offiziellen" Organisation entwickelt hat, wird dieses Phänomen mit einem neuen Etikett teilweise offensiv propagiert. Das Netzwerk soll eines der Wundermittel sein, mit denen die Herausforderungen der digitalen Arbeitswelt bewältigt werden können. Es wird davon gesprochen, dass wir zukünftig mehrheitlich in Netzwerken arbeiten. Das Netzwerk wird sogar als unternehmerische Organisationsform angepriesen, gerne auch in Kombination mit "projektorientierter Arbeit". Dabei wird allerdings meist vergessen, zu präzisieren, was man unter Netzwerk versteht.
Das Netzwerk ist eine Form von informaler Organisation. Die Teilnehmer verfolgen nach meiner Einschätzung allerdings mehr ihre eigenen Ziele als die der Organisation, z.B. Karriereambitionen.
Wenn man anstrebt, Netzwerke mehr in den Dienst der offiziellen Zielerreichung zu stellen, werden sie damit auch wieder mehr "formalisiert".
Wir dürfen jedoch beruhigt sein, oder je nach Standpunkt auch beunruhigt, das Phänomen der informalen Organisation wird nicht aussterben, auch wenn manche ihrer Kanäle durch Workflows trockengelegt werden.