Dienstag, 17. Mai 2016

Welche Eigenschaften sollte eine Führungskraft mitbringen?

"Alte" Gedanken zu einem immer aktuellen Thema

In einem kürzlich erschienen schmalen Bändchen, in dem unter dem Titel "Der neue Chef" einige Aufsätze des Soziologen Niklas Luhmann wieder aufgelegt wurden, fand ich eine kompakte, und wie ich meine, auch heute noch sehr zutreffende Sammlung von Eigenschaften, die eine Führungskraft mitbringen sollte. Luhmann hat diese "bürokratischen Tugenden", wie er sie etwas altertümlich nennt, zwar nicht explizit auf Führungskräfte bezogen, sondern als generelle Eigenschaften, die die Anpassung "der inneren Logik des persönlichen Lebens" der Beschäftigten an die "Rationalität der Organisation" erleichtern.

Nebenbei: Er gibt damit gleichzeitig einen wichtigen Hinweis auf den immer währenden und damit auch immer aktuellen Gegensatz zwischen Privatleben und Arbeitssituation, zweier Sphären, die "nicht aufeinander abgestimmten Systemgesetzen folgen". Gerade das sollte man in der heutigen Zeit, in der die Grenzen zwischen beiden Welten immer mehr zu verwischen scheinen, nicht vergessen.
Welche Eigenschaften hält er also hier für angebracht?
Ausdrucksvorsicht und Takt
...nur darf diese Ausdrucksvorsicht nicht in Duckmäuserei und Opportunismus umschlagen.
Sinn für weitläufige, komplexe und indirekte Folgen des eigenen und des fremden Handelns
...auch wenn dieser Aufsatz erstmals schon  1965 erschienen ist, immer noch hochaktuell.
Sinn für den Machtwert
...der scheint allerdings bei vielen Führungskräften kein Problem zu sein.
Sinn für die Statusimplikationen und Präzedenzwirkung aller Ereignisse
...die Sensibilität dafür, welche "Vorbild"-Wirkung das manchmal krampfhafte Streben nach Status hat, ist manchen Führungskräften jedoch abhanden gekommen.
Sinn für sich ergebende Konsenschanchen und für Gewinn durch Umwege
...gerade Letzteres scheint heute weitgehend abhanden gekommen zu sein. Möglichst auf schnellstem Weg zum Ziel - ob das dann allerdings immer mit Gewinn verbunden ist, ist eine andere Frage.
Wartefähigkeit, insbesondere die Fähigkeit, die Befriedigung eigener Gefühle und Selbstdarstellungsbedürfnisse zurückzustellen, bis der rechte Augenblick dafür gekommen ist.
...spätestens hier dürften Dynamiker und solche, die es werden wollen, müde abwinken. Das hilft aber nicht über die Erkenntnis hinweg, dass gerade diese Eigenschaft manchmal sehr nützlich sein kann.
Die Fähigkeit zum Aushalten und zum Ausgleich von Spannungen
...eine elementare Voraussetzung für erfolgreiche Führungsarbeit.
Die innere Bereitschaft, sich mt zweitbesten Lösungen abzufinden und Tatsachen also solche anzuerkennen, besonders, wenn über sie entschieden worden ist 
...das ist der immer wieder zu hörende - aber meist vergebliche - Wunsch, sich mit den 80% zufrieden
 zugeben und Sachverhalte, die man im Moment nicht ändern kann, hinzunehmen.
Und als Voraussetzung all dieser Eigenschaften sieht Luhmann die Selbstdisziplin.
Man sieht, in den Theorien über Führung hat es in den vergangenen fünfzig Jahren keine bahnbrechend neue Ideen gegeben.
Darum empfehle ich dieses Büchlein gerne zur Lektüre. Auch wenn es in etwas altertümlichem Soziologendeutsch daherkommt, ist doch klar und verständlich geschrieben - was bei Luhmann nicht immer selbstverständlich ist.
Niklas Luhmann, Der neue Chef, Suhrkamp Verlag 2016. Alle Zitate daraus, S. 50