Freitag, 22. April 2016

Sind sie emotional an ihr Unternehmen gebunden?

Wenn ja oder nein - wie wirkt sich das eigentlich aus?

Er ist wieder da, der jährliche Engagement Index von Gallup (www.gallup.de) - und mit vergleichbaren Ergebnissen wie in den letzten fünfzehn Jahren. Doch in den Medien werden immer nur die jeweils aktuellen Ergebnisse verkündet und das meist mit erhobenem und drohendem Zeigefinger. Gut zwei Drittel würden lediglich "Dienst nach Vorschrift" machen, heißt es dann. Immerhin 16% fühlen sich gar nicht emotional an ihren Arbeitgeber gebunden und hätten innerlich bereits gekündigt.
Kleines Rechenbeispiel am Rande: Ich komme aus einem Unternehmen mit traditionell niedriger Inflationsrate meist unter 3%. Gehe ich jetzt davon aus, dass 16% innerlich gekündigt haben, aber nur etwa um die 1% tatsächlich auch den Weg der eigenen Kündigung gehen, müssten in dem Unternehmen kontinuierlich ca. 14% der Belegschaft demotiviert gewesen sein. Ich habe gute Gründe das zu bezweifeln. Einmal sprechen die niedrige Fluktionsrate selbst und lange Betriebszugehörigkeitszeiten dagegen. Dann gab es auch aus "indirekten" Kennzahlen, wie Fehlzeitenquote oder Fehlerraten keine Anhaltspunkte dafür.
Bei Gallup selbst gibt es auf der Homepage eine Übersicht über die Entwicklung des Index in den letzten fünfzehn Jahren. Und siehe da, die Quote derer, die keine emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber haben, lag auch schon 2001 bei 16%. Der tiefste Stand war 2009 mit 11%. Auch die viel zitierten zwei Drittel, die nur eine geringe emotionale Bindung aufweisen, hielten sich stabil in dieser Größenordnung in den letzten fünfzehn Jahren.
Darum nochmals die Frage: Fühlen sie sich emotional an ihr Unternehmen gebunden? Was bedeutet das eigentlich? Was wird hier gemessen? Wenn ich von mir selbst ausgehe, bin ich in der Regel gerne morgens an meinen Arbeitsplatz gegangen. Emotional gebunden fühlte ich mich eher an meine Familie als an meinen Arbeitgeber.
In der Gallup-Umfrage werden 1.429 Beschäftigte über 18 Jahren befragt. Da die Befragung den Anspruch erhebt, repräsentativ zu sein, muss man davon ausgehen, dass die Befragten auch aus Unternehmen kommen, die durchaus erfolgreich sind. Wenn allerdings zwei Drittel von ihnen nur Dienst nach Vorschrft machen und 16% innerlich gekündigt haben, muss man sich fragen, wie das funktioniert.
Das Problem liegt in der Fragestellung selbst. Muss man unbedingt emotional an seine Firma gebunden sein, um einen ordentlichen Job abzuliefern? Aus meiner Erfahrung heraus kann ich mich sogar für etwas engagieren ohne große Emotionen zu empfinden. Kann man von dem, von mir oft zitierten, Paketzusteller emotionale Bindung an seinen Arbeitgeber erwarten? In den meisten Fällen jedenfalls werden Pakete ordentlich zugestellt. Allerdings darf auc keine emotionale Ablehnung vorhanden sein. Dann wird es in der Tat schwierig.
Alle Arbeitgeber, Motivationsgurus und vor allem Führungskräfte sollten hier eine realistische Erwartungshaltung haben. Wenn sie dazu noch einen wertschätzenden Führungsstil pflegen, brauchen sie sich um die emotionale Bindung ihrer Mitarbeiter keine Sorgen mehr zu machen.
Die Damen und Herren von Gallup aber sollten vielleicht einmal ihr Fragebogen-Design überdenken.