Montag, 25. Januar 2016

Mad Business

In dem von mir vor einigen Tagen empfohlenen Buch "Mad Business" beschäftigen sich die Autoren mit dem alltäglichen Irrsinn in Konzernen. Sie haben dazu etliche Führungskräfte befragt und einen Teil der Antworten auch beispielhaft zitiert. Wenn man nach jahrelanger Tätigkeit in größeren Organisationen nicht zum Zyniker geworden ist, kann man die Beispiele durchaus amüsant finden, insbesondere wenn man Erlebnisse aus der eigenen Organisation wiedererkennt. Ich schreibe bewußt Organisation, denn Derartiges kommt nicht nur in Konzernen vor.

Die Autoren nennen es Betafehler worunter die Beschäftigten, insbesondere die Führungskräfte leiden. Diese entstehen, wenn sich Prozesse verselbständigen und nicht mehr das bewirken, wozu sie eigentlich gedacht waren. Es ist die alte Erkenntnis, die schon in vielen Witzen über Bürokratie ihren Niederschlag gefunden hat. Je mehr Regeln es gibt, desto ausgedehnter wird auch deren bürokratisches Eigenleben. Einer der beiden Autoren formuliert es im Interview so: "Eigentlich wissen alle, dass es richtig wäre, ein Problem so oder so zu lösen. Da es aber dem in der Organisation vorgegebenen Weg widerspricht und keiner das Risiko eingehen möchte, gegen die Regeln zu improvisieren, handeln die Beteiligten gegen den gesunden Menschenverstand. Sie tun es wissentlich und leiden darunter." (brandeins 11/2015)
Man kann diese sogenannten Betafehler nicht abstreiten, zumal man sie mit Sicherheit in der eigenen Organisation auch schon erlebt hat. Interessant ist jedoch die Frage, warum funktionieren diese Organisationen dennoch,  manche sogar recht erfolgreich?
Die Antwort ist bekannt und genau so alt wie es Bürokratien gibt. Es gibt in den Organisationen Durchblicker, die diese Fehler erkennen, sich ihnen aber nicht in Zynismus oder Resignation ergeben sondern versuchen pragmatisch damit umzugehen. Es ist das Phänomen der informellen Kommunikation ohne das es keine formale Kommunikation in einer formalen Organisation gibt. Und ohne das auch keine Organisation existieren kann. Es gibt, Gott sei Dank, Menschen, die die Souveränität - manchmal auch den Mut - und das Know How haben, Regeln fallgerecht zu interpretieren und zu wissen, wann und ob man sie noch wortgetreu anwenden kann. Die die Gelassenheit haben eine hektische Entscheidung, die von "oben" kommt auch mal einen Tag liegen zu lassen, um zu sehen, ob sie am nächsten Tag noch genauso wichtig und dringend ist.
Das wird zugegebenermaßen allerdings schwieriger je mehr digitale Workflows es gibt. In die kann man nicht mehr ohne weiteres eingreifen und sie lassen sich auch so einfach nicht mehr korrigieren oder gar abstellen. Und wenn die Beschäftigten, die damit umgehen, nicht einmal mehr wissen, warum der Workflow so fuktioniert, dann sind sie bei einem Sonderfall hilflos.
Wenn allerdings Führungskräfte unter diesen Betafehlern leiden, dann sollte man sie fragen, wie oft sie schon selbst willfährig mit dem Kopf genickt haben, wenn unsinnige Projekte aufgesetzt wurden oder sie mit fixen Ideen "von oben" konfrontiert wurden. Den Mut kritische Fragen auch an den eigenen Chef zu stellen sollte man von einer Führungskraft schon erwarten.