Mittwoch, 16. Dezember 2015

Pünktlichkeitsprämie für Bahnchef

Macht das Sinn?

Laut Presseberichten soll ein Teil der variabalen Bezüge von Bahnchef Grube von der Pünktlichkeit der Züge  abhängen. Die Bahnkunden werden sich über diese Mitteilung sicher freuen und hoffen, dass sie auch Wirkung zeigt, wenn sie denn stimmt. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Meldung taugt sie in jedem Fall für eine grundsätzliche Diskussion der Sinnhaftigkeit solcher Prämien. Der Glaube an die Wirkung von zielorientierten, variablen Entgeltbestandteilen ist nach wie vor ungebrochen. Von daher wäre es absolut nicht verwunderlich, wenn der Bahnaufsichtsrat auf eine solche Idee käme. Werden doch die Verspätung immer wieder von den Kunden heftig kritisiert.

Doch würde das Sinn machen? In der Tat spricht einiges dafür. Sicherlich ermittelt das Controlling der Bahn bereits einen Wert, der die Pünktlichkeit im Bahnverkehr misst. Verspätungen sind eindeutige und präzise Werte. Von daher dürfte eine objektive Grundlage vorhanden sein. Doch ist die Bahn ein komplexes System. Gerade gestern war im Handelsblatt ausführlich zu lesen, vor welchen Herausforderungen Grube steht. Neben den Verspätungen gibt es auch noch einige andere Baustellen. Direkt oder indirekt werden auch andere Defizite Auswirkungen auf die Pünktlichkeit haben. Eine zu einseitige Orientierung der Prämie an einem Thema birgt immer die Gefahr, dass dieses auf Kosten anderer optimiert wird. Man muss kein großer Kenner des Eisenbahnwesens sein, um zu vermuten, dass eine bessere Pünktlichkeit möglicherweise höhere Kosten verursacht. So könnten pünktlichere Züge dem Bahnchef und seinen Kollegen zwar eine höhere Prämie bescheren, dem Unternehmen insgesamt würde das aber nicht bekommen.
Die nächste Frage  wäre, bei welchen Mitarbeitern sollte diese Regelung noch greifen? Auf Grund der Komplexität des Systems und der vielen Einflußfaktoren sollten alle Mitarbeiter mit variablen Gehaltsbestandteilen in diese Regelung einbezogen werden. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich die Diskussionen vorzustellen, die ein solcher Beschluss nach sich zieht. Es wird in jedem Fall welche geben, die behaupten, ihre Arbeit hätte keinen oder nur geringen Einfluß auf die Pünktlichkeit der Züge. Was ist beispielsweise mit den Kollegen aus dem Personalwesen? Umgekehrt würde es allerdings diese Diskussion auch geben, wenn man nur bestimmte Bereiche einbezieht. Deren Vertreter würden sofort Funktionen auzählen, die auch betroffen sein müssten.
Garantiert käme auch die Frage, was mit Verspätungen ist, die zum Beispiel wetterbedingt sind? Sollen dafür die Mitarbeiter bestraft werde?
Man sieht, selbst bei einer durchaus nachvollziehbaren Prämienregelung gibt es Probleme und mindestens genausoviel Motivationsbremsen wie Beschleuniger. Im Falle der Bahn könnte ich mir höchstens eine Kombination vorstellen: zu 70% ist die Prämie am Unternehmensergebnis orientiert und zu 30% an der Pünktlichkeit, weil Pünktlichkeit für einen Bahnbetrieb nun wirklich eine zentrale Größe ist. Aber dann auch für alle Mitarbeiter mit variablen Bezügen.