Dienstag, 11. November 2014

Wir kennen das Ziel nicht....

.....aber wir laufen schon mal los. Den Spott haben sie in ihrer Organisation sicher auch schon gehört. Den Satz hören sie, in abgewandelter Form, jedes Wochenende von ratlosen Fußballtrainern, deren Mannschaft nun schon das dritte Mal hintereinander verloren hat. "Wir müssen uns jetzt fokussieren...", "Wir müssen jetzt die Kräfte bündeln...", "Es liegt jetzt an uns...." Worauf fokussieren? Wofür bündeln? Was liegt an uns? Im Gegensatz zu Fußballtrainern, deren Zielvorgaben relativ einfach sind - Nichtabstieg, Meister, mindestens Platz fünf - haben Führungskräfte im Unternehmen eine mehr oder minder differenzierte Zielvereinbarung im Schreibtisch liegen.
Die in ihnen aber in einer zwischenzeitlichen Problemsituation meist aber auch nicht weiterhilft. Und die im Jahresverlauf in vielen Fällen auch nicht hervorgeholt wird, um den aktuellen Zielerreichungsstand zu überprüfen. Wird die harte Linie gefahren und es steht am Jahresende eine Negativabweichung zu Buche, dann ist ohne Wenn und Aber auch die Prämie weg. Eine rückblickende Analyse, warum es zur Abweichung gekommen ist oder ob gar die Vorgaben schon falsch waren, wird nicht mehr gemacht. Stattdessen folgt gleich die Ansage für die nächste Periode: plus 5% (oder mehr) oder minus 5%, je nachdem, ob es um Ergebnis oder Kosten geht. Wird die weiche Tour bei der Zielfeststellung genommen, dann werden gerne auch Rechtfertigungen zugelassen und Argumente gesucht, warum die Prämie doch gezahlt wird. Im Zweifel kommt dann das Argument "Er hat sich ja engagiert". Über beide Vorgehensweisen kann und muss man diskutieren. Immer öfter aber wird die Erfahrung gemacht, dass die vereinbarten Ziele so nicht erreicht wurden. Bei spektakulären Projekten lesen wir das dann auch in der Zeitung. Das hängt einerseits mit externen Faktoren zusammen. Die Komplexität, die Schnelligkeit der Entwicklungen und die Unvorhersehbarkeit der Veränderungen in den Rahmenbedingungen unternehmerischen Handelns nehmen zu. Darauf wird dann intern mit einer um so präziseren Zielformulierung reagiert. Es werden immer mehr Messwerte kreiert, immer mehr Indikatoren entwickelt, damit man jede mögliche Entwicklung abbilden kann, wie es immer schon heißt. Natürlich braucht ein Unternehmen Zielwerte, nach denen es seine Aktivitäten ausrichtet. Aber es reichen in der Regel wenige. Nur es müssen die Richtigen sein und die müssen belastbar sein. Gerade "in rauher See" - das Bild wird ja immer gerne genommen - muss der Kurs bekannt sein. Aber innerhalb des Zielrahmens muss Raum sein, um das Talent des dicken Daumens zu entfalten, über das ich im letzten Post geschrieben habe. Gerade in einem komplexen Umfeld muss flexibel gehandelt werden können. Die Akteure brauchen Spielräume. Sie müssen aber auch in der Lage sein, mit diesen verantwortungsvoll umzugehen. Es wird nicht umsonst von der Kunst des Improvisierens gesprochen. Aber auch die muss erlernt werden. Das kann man nicht mit engen, möglichst differenzierten Vorgaben in Form von Messgrößen. Es kommt oft auf die situativ richtige Reaktion an. Manchmal stimmt eben auch der Satz: Der Weg ist das Ziel.