Dienstag, 18. November 2014

Tempo, Tempo....

Geht nicht noch ein früherer Termin? Kennen sie die Situation? Meeting, größerer Kreis. Es sitzen alle möglichen Leute am Tisch, die auch nur im entferntesten mit dem angekündigten Thema zu tun haben könnten. Ein Projekt wird präsentiert. Das Konzept ist gut. Die Begründung ist fundiert. Der Zeitplan plausibel und mit ordentlichen Meilensteinem hinterlegt. Die Präsentation ist zu Ende, der Referent stellt sich der Diskussion. Welche Frage kommt garantiert? "Warum ist der Abschluss erst so spät eingeplant?"
Als Fragesteller kommen gerne Hierarchen selbst in Frage oder Zeitgenossen, die sich diesen gegenüber profilieren wollen. Sie kennen von dem Projekt nicht mehr als sie vorher in der Präsentation gehört haben, meinen aber trotzdem möglichst schnell einen eindrucksvollen Kommentar abgeben zu müssen. Und tatsächlich, mit dieser Frage liegen sie meist richtig. Ist dem Hierarch die Frage nicht selbst eingefallen, wird er bestätigend mit dem Kopf nicken und die Frage noch etwas wortreicher und mit markiger Stimme wiederholen. Sicher gibt es in der Runde auch noch die üblichen Opportunisten, die dann auch bestätigend mit dem Kopf nicken und der arme Präsentator ist schon in einer Rechtfertigungsposition ehe das Projekt übergaupt gestartet ist. Wenn er erfahren und clever genug ist, hat er natürlich in seinen Projektplan vorher schon etwas Luft eingebaut.
Lassen sich solche Situationen nicht vermeiden? Wieviel Termindruck ist hausgemacht? Bei wie vielen Projekten oder Aktivitäten, die sie zur Zeit auf dem Schreibtisch haben, spielt es tatsächlich eine untergeordnete Rolle, ob sie einen Monat später fertig werden? Wie oft haben sie es schon erlebt, dass etwas unbedingt zu einem bestimmten Termin fertig sein mußte und wenn sie es dann gerade noch so geschafft haben, stellen sie fest, dass ihr Chef sich auch einen Tag später immer noch nicht damit beschäftigt hat. Viele Versandhändler bieten einen 24-Stunden-Lieferservice an. Bei gewissen Produkten, Ersatzteilen etwa, macht das durchaus Sinn und ist notwendig. Aber auch bei einem Weinversand oder Geschenkehändler? Verständlich, dass es mittlerweile Bewegungen gibt, die sich Entschleunigung auf die Fahnen geschrieben haben - bis hin zum Essen - Slow Food. Nachvollziehbar aber auch, dass die mittlerweile verfügbaren Technologien diese Schnelligkeit geradezu aufdrängen. Online heißt sofort verfügbar. Also wird diese Verfügbarkeit auch auf Produkte und Dienstleistungen übertragen.
Darüber gerät eine fast schon alte Tugend in Vergessenheit und wird nicht mehr geübt: die Planung. Wenn ich alles schnell haben kann, brauche ich nicht zu planen, schon gar nicht mehr langfristig. So ist der trügerische Glaube. Vielleicht liegt darin auch ein Grund, warum so viele Projekte sich verzögern, auch dann, wenn es tatsächlich auf einen pünktlichen Abschluss ankommt. Aber mit der Planung ist es wie mit etlichen anderen Managementtechniken. Da sie für banal gehalten werden, beschäftigt man sich nicht (mehr) mit ihnen. Wenn dann doch wieder einmal der Unterschied zwischen dringend und wichtig erklärt wird, hört keine mehr so richtig hin.