Dienstag, 30. September 2014

Gute Arbeit

Was ist gute Arbeit? Haben sie sich diese Frage schon einmal gestellt? Konkreter: Empfinden sie ihre Arbeit als gute Arbeit? Fairerweise sollten sie dann auch die Frage mitstellen: Leiste ich gute Arbeit? Diese Frage werden die meisten natürlich mit Ja beantworten. Wobei hier ein wenig mehr Selbstkritik gut täte. Denn manchmal ist ja die abgelieferte, nicht mängelfreie Leistung oder die eigene Arbeitseinstellung der Grund dafür, dass man auch die gesamte Arbeitssituation als negativ empfindet, weil man möglicherweise öfter Kritik gespiegelt bekommt.

Der Zeitschrift brand eins war das Thema wichtig genug es zum Schwerpunkt der Septemberausgabe zu machen. Dort wurde die Antwort auf die Eingangsfrage - verkürzt wiedergegeben - allerdings darauf reduziert, dass die Arbeit dann gut ist, wenn man einen Sinn in ihr sieht. Diese Sinnsuche muss man selbst in die Hand nehmen und nicht erwarten, dass sie der Arbeitgeber liefert. Die Zeitschrift kritisiert die Haltung der meisten Arbeitnehmer für die das Einkommen und die Sicherheit des Arbeitplatzes die wichtigste Erwartung an ihre Arbeit sind. Als Beleg werden die Ergebnisse der INQUA Umfrage aus 2008 angegeben, wonach für 92% das verläßliche Einkommen und für 85% der sichere Arbeitsplatz die wesentlichen Faktoren sind, die gute Arbeit ausmachen. Nun ist es ohne Zweifel gut und trägt zum persönlichen Wohlbefinden bei, wenn man in seiner Arbeit einen Sinn sieht. Aber für viele Beschäftigte ist der wichtigste Sinn ihrer Arbeit in der Tat der, dass sie den Lebensunterhalt sichert. Fast schon erwartungsgemäß wird in brand eins auch fast nur von Wissensarbeitern - was immer das sind - geredet. Was ist mit Paketzustellern oder Müllmännern (darf man die noch so nennen)? Aus Sicht ihrer Kunden üben sie eine höchst sinnvolle Tätigkeit aus. Aber hilft das ihrer Motivation, wenn sie für ihre Plackerei gerade mal mit dem Mindestlohn bezahlt werden? Sehr wahrscheinlich würden sie ihre Arbeit schon als besser empfinden, wenn sie in vernünftigen Arbeitsbedingungen wirken könnten. Auf weitergehende Sinnsuche verzichten sie dann gerne.
Für brand eins liegt das Heil in der Automatisierung. Warum sehen wir die Automatisierung so kritisch, wenn sie uns doch von Routinetätigkeit entlasten kann? Wird alle Routine, alles Monotone von Maschinen erledigt, können wie uns ganz der sinnstiftenden Wissensarbeit widmen. Zitat "Die neue Automatisierungswelle schafft eine Unmenge an Raum und freier Energie für kreative, wirklich originelle Tätigkeiten." Da wird der Paketzusteller sich  aber freuen, wenn ihm die Drohne seine Arbeit abnimmt. Er kann dann seine Kreativität einsetzen, um einen neuen Job zu finden.
In dem Fall ist es tröstlich, dass Paketzusteller oder Müllmänner nicht zum typischen Leserkreis von brand eins gehören. So können die Damen und Herren Wissensarbeiter in den Redaktionen - das genannte Magazin ist ja nur ein aktuelles Beispiel - weiter von der schönen neuen Arbeitswelt in der Wissensgesellschaft träumen.