Dienstag, 5. August 2014

Neuroenhancement

Wissen sie was das ist? Laut Wikipedia die "Einnahme von psychoaktiven Substanzen". Ein anderer gebräuchlicherer Begriff dafür: Hirndoping. Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2011 nehmen 1,5% der Deutschen derartige leistungsbeeinflussende Mittel wie Antidepressiva, Betablocker und Amphetamine (zitiert nach BGHM-Aktuell, Ausg. 4/2014). Besonders gefährdet sind offenbar gut ausgebildete, stark beanspruchte und leistungsorientierte Personen. Wenn man den vergleichbaren Wert aus den USA sieht, dort liegt er um die 30% und wenn man um die Realität in den Unternehmen weiss, dass über den Gebrauch von Happy Pills, wenn überhaupt, nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird, dann kann man auch hierzulande den Wert noch höher veranschlagen. Wer gibt schon zu, dass er sich, wenn auch nur zeitweise, überfordert fühlt? Da wird lieber etwas geschluckt, wenn man dann das Gefühl hat besser durchzuhalten. Apropos schlucken: auch Alkohol muss man hier nennen. Das Bier am Feierabend, das Glas Wein oder - noch schlimmer - der härtere Drink, der genommen wird, um nach der Arbeit "runterzukommen" kann auch den Einstieg in eine Abhängigkeit bedeuten.

Was kann man tun? Die Aufklärung über die Wirkung dieser Substanzen alleine ist zwar in jedem Fall notwendig, reicht aber nicht aus und bleibt zu sehr an der Oberfläche. Wichtiger ist nach meiner Ansicht eine differenzierte Diskussion in den Unternehmen über die Leistungsanforderungen, die gestellt werden und die Leistungsfähigkeit, die die Beschäftigten mitbringen. Führungskräfte müssen ein Gefühl dafür entwickeln können, wann es zuviel aber auch wann es zuwenig ist. Auch das kann sich negativ auswirken. Eine Unternehmensleitung muss einschätzen können, wann die Personalbemessung zu knapp kalkuliert ist. Sie muss wissen, dass nur mit Druck eine geringere Produktivität zu erreichen ist als mit der richtig dosierten Leistungsforderung. Das ist vielfach erweisen und untersucht. Eine Führungskraft muss wissen, dass Leistungsfähigkeit ein individuelles Phänomen ist. Die Überforderungs- und Unterforderungsgrenzen sind nicht pauschal festzulegen. Sie muss auch einen Blick dafür haben, wenn in ihrem Verantwortungsbereich die Auslastungen unterschiedlich sind.  Es darf nicht sein, dass sich einige die Beine ausreißen, während sich der Kollege zwei Schreibtische weiter penibel seine täglichen Gleitzeitminuten ausrechnet. Gerade diese Erscheinung habe ich immer wieder beobachtet. Es geht also nicht um die Ablehnung von Leistung sondern um die Entwicklung einer im wahrsten Sinne des Wortes gesunden Einstellung  dazu. Dazu gehört auch, den Hohepriestern der Hochleistungskultur (siehe meine letzten Posts dazu) mit Skepsis gegenüberzutreten und ihre Predigten nur mit kritischer Distanz zu hören.