Donnerstag, 24. Juli 2014

Leistungsdiktatur

Haben sie das Gefühl, dass sie in einer Leistungsdiktatur leben? In einer Situation, in der sie schon aktuell eine hohe Leistung bringen müssen aber gleichzeitig das Gefühl vermittelt bekommen, es sei immer noch nicht genug. Die Produktivität könnte noch gesteigert werden. Die Kunden sind noch nicht zufrieden genug. Die Rendite läßt noch zu wünschen zu übrig. Die Kennzahlen sind noch zu weit von der Ziellinie entfernt. Und im nächsten Jahr müssen wir nochmal eine Schippe drauflegen. Die Konkurrenz schläft nicht, der Markt entwickelt sich weiter. Wenn dem so ist, dann sollten sie nicht zu Fredmund Maliks neuem Buch "Wenn Grenzen keine sind. Management und Bergsteigen" greifen. Der Titel ist Programm: Grenzen sind da, um sie zu überwinden. Dies soll keine Rezension des Buches sein. Ich möchte einen Gedanken herausgreifen, wohl wissend, dass ich damit möglicherweise dem Werk auch Unrecht tue.

"Nur das Ziel ist das Ziel...Was zählt ist das Ziel....Ein nicht erreichter Gipfel zählt nicht" Mit derartigen Zitaten vergleicht Malik Management und Bergsteigen. Wie beim Bergsteigen geht es auch im Management darum, den Gipfel zu erreichen. Nur das zählt. Wenn das Ziel nicht erreicht wird, bedeutet das Misserfolg. Diesen Misserfolg kann man vermeiden, wenn man sich richtig vorbereitet, wenn man motiviert ist. Mit der richtigen Einstellung und einem zielgerichteten Verhalten ist jedes Ziel zu erreichen. Effektivität ist das Zauberwort. Die Effektivität kann und muss ständig optimiert werden. Mit seinen eigenen alpinistischen Erfahrungen macht Malik deutlich, dass auch höchste Gipfel unter schwierigen Bedingungen zu erreichen sind, wenn man entsprechend vorbreitet und ausgerüstet ist.
Mit diesem Gedankengut liefert er einen Beitrag zur Theorie - um nicht zu sagen Ideologie - der kontinuierlichen Leistungssteigerung und Leistungsverdichtung. Wir dürfen uns vor dem Hintergrund solcher Aussagen in Managementratgebern nicht über zunehmende Burn-Out-Fälle wundern. Der in seiner Arbeit engagierte Leser kann schon den Eindruck gewinnen, dass es an seiner eigenen Unzulänglichkeit liegt, wenn er Probleme mit seinem Aufgabenpensum hat. Er muss nur seine Effektivität verbessern, dann klappt es schon. Wenn dann der Leistungsdruck noch steigt, kommt man schnell in die Burn-Out-Spirale.
Auch Malik beschreibt, dass er schon kurz vor dem Gipfel aufgeben musste. Der Satz, dass ein nicht erreichter Gipfel nicht zählt, geht weiter mit der Anfügung "auch wenn das Aufgeben die vielleicht größere Leistung ist." Gerade aber mit diesem letzten Gedanken, muss man sich differenziert auseinandersetzen, wenn man vernünftige Leistungsanforderungen formulieren will.