Montag, 2. Juni 2014

Teambuilding

Ein großer deutscher Eletrotechnikkonzern schwört sein Standbesatzung zum Start der Hannover-Messe mit einer Zeremonie auf das bevorstehende Ereignis ein. Die Mitarbeiter - immerhin 200 - stehen im Kreis auf dem Messestand und halten alle gemeinsam ein rotes Band in ihren Händen. In der Mitte steht der Vorstandsvorsitzende mit ausgebreiteten Armen und fordert von seinen Mitarbeitern von der "I - (Ich) zur T- (Team) Kultur" überzugehen. Anschließend wird das rote Band zerschnitten und jeder Mitarbeiter trägt eine kleines Stück davon während der Messe bei sich. (Zit. nach Mannheimer Morgen, 21.5.)

Ist die Messe für diesen Konzern dadurch erfolgreicher gelaufen als ohne dieses Ritual? Wir wissen es nicht. Auch das Unternehmen wird es nicht wissen. Sehr wahrscheinlich ist diese Frage auch gar nicht gestellt worden. Wenn der Vorstandschef selbst so überzeugt mitmacht, wird nicht mehr hinterfragt. Wir dürfen die Frage aber mit hoher Wahrscheinlichkeit verneinen. Hat diese Aktion tatsächlich die Teamkultur gefördet? Auch diese Frage dürfte nicht gestellt worden sein. Man hätte sie empirisch seriös auch nicht beantworten können. Wenn man sie dem CEO gestellt hätte, hätte der möglicherweise so etwas geantwortet wie: "Ich habe gemerkt, wie durch die Mannschaft - in der Tat habe ich auf dem Bild in der Zeitung nur eine Frau gesehen - förmlich ein Ruck gegangen ist. Die Jungs waren fantastisch motiviert".  Auch der Vertriebsleiter hätte wohl ähnlich geantwortet. Wenn man die Jungs der Standbesatzung gefragt hätte, hätte das der Eine oder Andere möglicherweise anders gesehen. Im Zweifel steht die Erreichung der eigenen Zielvereinbarung immer höher im Kurs als das Team.
Derartige Motivationsmätzchen sind bei Messen hoch im Kurs. Gerne im Gebrauch sind auch eigens komponierte Hymnen, die dann allmorgendlich vor der Öffnung gemeinsam intoniert oder zumindest abgespielt werden. Mich wundert immer, wie überzeugt die Initiatoren von der Motivationskraft derartiger Aktivitäten sind. Können sie nicht glauben und darauf vertrauen, dass erwachsene Menschen aus sich heraus in der Lage sind, ihren Job auf der Messe gut zu machen? Und wenn die intrinsische Motivation nicht so ausgeprägt ist, dass sie wenigstens so viel Pflichtbewußtsein mitbringen, um eine gute Figur abzugeben? Diese Rituale sind Motivation aus der Kindertagesstätte. Das brauchen Erwachsene nicht. Was sie aber brauchen ist eine ordentliche Vorbereitung auf die Messe, ein gründliches Briefing. Eine sorgfältige Schulung für die, die neu dabei sind. Und was sie vor allem brauchen, ist ein kräftiges Danke-Schön, wenn die Messe vorbei ist. Wenn der CEO dann den 200 persönlich kräftig die Hand schüttelt, dann wirkt das mehr, wie die Beschwörung am Beginn.