Mittwoch, 4. Juni 2014

"Offene" Kommunikation

Meier hat seinen Jour-Fix beim Chef. Dieser vertraut ihm an: "Also, was der Müller da neulich wieder losgelassen hat. Diese Präsentation war mir zu dünn. Da erwarte ich in der Funktion schon etwas anderes." Zwei Tage später sitzt Müller bei ihm: "Mit der Abteilung vom Meier bin ich noch nicht glücklich. Der Meier könnte schon manchmal deutlichere Ansagen seinen Leuten gegenüber machen." Dann erzählt er weiter von einem gemeinsamen Termin mit seinem  Chef beim Vorstand: "Glauben sie der - sein Chef - macht da den Mund auf? Mir ist ja sofort ein passendes Gegenargument gegen diese Idee eingefallen. Aber da hatte er schon mit dem Kopf genickt. Da konnte ich auch nichts mehr sagen."
Offene Kommunikation - ohne jeden Zweifel. Der Chef redet offen mit seinen Mitarbeitern - über Kollegen und seinen Chef.
Leider ist diese Unsitte nicht auszurotten. Freuen sie sich, wenn sie das bei ihrem Chef nicht erleben. Wenn sie es erleben, halten sie es nicht für einen besonderen Vertrauensbeweis, dass er so offen mit ihnen redet. Im Zweifel wird er mit ihrer Kollegin genauso offen über sie reden. Leider kann man als Mitarbeiter auch wenig gegen ein derartiges Verhalten tun. Dem Chef offen zu sagen, dass man nicht möchte, dass er bei ihnen über die Kollegen redet, erfordert sehr viel Mut und ist auch riskant. Denn bei einem Vorgesetzten, der sich so verhält, muss man dan auch wieder mit Retourkutschen rechnen. Man kann aber durchaus über eine geschickte Gesprächsführung zu erkennen geben, dass man das nicht möchte und dem Gespäch vielleicht eine andere Richtung geben. Man kann auch den Kollegen, der gerade kritisiert wird, in Schutz nehmen, wenn die Kritik ungerechtfertigt ist. Das gibt dem Chef zumindest ein Signal, dass er mit seinen Äußerungen zurückhaltender sein sollte.
Es liegt in uns Menschen drin, dass wir gerne über andere reden. Die Lästerei über das altmodische Outfit der Kollegin oder das Chaos auf dem Schreibtisch des Nachbarn können sicher als lässliche Sünde gewertet werden. Auch wenn der Chef nach einem langen Meeting beim rausgehen genervt und hörbar über Müllers detaillierte Präsentation stöhnt, ist das verzeihlich. Wir sind alle - Gott sei Dank - Menschen. Nur muss der Vorgesetzte bei späterer und passender Gelegenheit dem Herrn Müller auch selbst vermitteln, dass seine Charts zu detailliert und sein Vortrag zu langatmig ist. Es ist für eine Führungskraft absolut untragbar, dass sie sich bei Mitarbeitern kritisch über Kollegen äußert. Gerade für den Chef muss die Devise gelten: mit dem Mitarbeiter reden und nicht über ihn. Auch unter Kollegen kann das ein guter Massstab sein: über den Kollegen nur das reden, was man auch mit ihm selbst besprechen könnte.