Mittwoch, 8. Januar 2014

Sind sie ein Opportunist?

Eine kleine Denksportaufgabe für zwischendurch: Ordnen sie die Begriffe Opportunismus - Anpassung - Integration - Verbiegen - Höflichkeit - Authentizität auf einer Skala mit den Endpunkten Gut und Schlecht ein. Anschließend geben sie eine Einschätzung ab, wo sie sich selbst in diesem Band sehen. Wenn sie ein mutiger Mensch sind, lassen sie sich einmal von einem ihnen nahestehenden Mitmenschen - idealerweise aus dem beruflichen Umfeld - auf dieser Skala einordnen. Es reicht allerdings schon, wenn sie die Übung für sich im stillen Kämmerlein mit der notwendigen Ehrlichkeit machen.

Einige Gedanken dazu. Manchmal ist es hilfreich sich auf die Definition eines Begriffes zu besinnen. So ist kennzeichnend für die Definition von Opportunismus das Suchen des eigenen Vorteils ohne Wertvorstellungen zugrunde zu legen. Die Zweckmäßigkeit wird über Grundsätze gestellt. Im Extremfall richtet man sich bedingungslos nach den jeweiligen, herrschenden Verhältnissen aus. Gewöhnlich ist dieser Begriff deshalb auch negativ besetzt. Doch seien wir ehrlich. Gerade in beruflichen Situationen ist die Versuchung opportunistisch zu handeln sehr groß. Es ist deshalb eine Gewissensfrage für jede Fühungskraft, in welchem Maße sie durch ihr Verhalten Opportunismus bei ihren Mitarbeitern fördert. Vorher muß sich allerdings jeder die Frage stellen, von welchen Werten läßt er sich leiten? Wie ernst nehme ich diese Werte oder bin ich bereit, sie bei der erstbesten Gelegenheit, wenn ich darin einen Vorteil für mich sehe, über Bord zu werfen? Wie oft wird Opportunismus als Schimpfwort benutzt? Ist Anpassung immer schon Opportunismus? Sicherlich dann nicht, wenn ich mein persönliches Wertesystem mit dem der Organisation in Einklang bringen kann, wenn ich diese Werte bei Bedarf auch einfordern auf ihnen bestehen kann. Aus Sicht der Organisation bedeutet das, Individualität zuzulassen und zu respektieren, sich mit Kritik auseinanderzusetzen.
Von jüngeren Leuten höre ich öfter den Satz: "Ich bin nicht bereit mich zu verbiegen." Dabei wird oft übersehen, dass auch Höflichkeit manchmal Verbiegen bedeutet. Nicht-verbiegen-wollen kann nicht heißen, den eigenen Vorteil ohne Rücksicht auf die Umgebungssituation durchzusetzen. Das wäre das negative Gegenteil von Opportunismus. Jede Anpassung, jede Integration bedeutet auch Biegsamkeit.
Schließlich Authentizität: viel gefordert. Bewerber sollen authentisch rüberkommen. Wollen wir das wirklich immer? Wollen wir, dass der Choleriker authentisch rüberkommt? Wollen wir, dass der barsche zur Unfreundlichkeit neigende Mitarbeiter authentisch seine Kunden bedient?
Sie sehen, gar nicht so einfach mit der klaren Trennung dieser Begriffe. Deswegen kann man bei der eigenen Gewissenserforschung diesbezüglich auch nachsichtig mit sich umgehen. Nur sollte man es ab und zu einmal machen.