Mittwoch, 13. November 2013

Management-Realität

Noch einmal ein Nachklapp zu meinem letzten Post und dem Interview mit Herrn Sattelberger: In derselben Ausgabe der ZEIT (Nr. 30) steht wenige Seiten vor dem Interview ein Artikel über den geplanten Zusammenschluß von zwei der größten Fleischproduzenten der Welt, einem amerikanischen und einem chinesischen Unternehmen. Ausführlich ist dort beschrieben, wie das amerikanische Unternehmen mit seinen Stakeholdern - wie es heute so schön heißt - umgeht, wie rücksichtslos die Umwelt belastet wird und auch unter welchen Bedingungen die Mitarbeiter arbeiten müssen.
Demgegenüber das romantische Wunschbild von Herrn S. zur Führung der Zukunft: Führung wird komplexer und dadurch anspruchsvoller. Führungskräfte müssen nicht nur Kunden, Aktionären und Mitarbeitern dienen, sondern auch politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren gerecht werden. Führung der Zukunft bedeutet das Ausbalancieren unterschiedlicher Erwartungen und Ansprüche.
Ganz abgesehen davon, dass Letzteres für Führung schon immer gegolten hat, scheinen die beiden Fleischproduzenten und mit ihnen noch einige andere auf dem entgegengesetzten Weg zu sein. Versuchen nicht gerade große international tätige Unternehmen sich diesen politischen und zivilgesellchaftlichen Akteuren zu entziehen? Werden Führungskräfte wirklich ernsthaft dazu angehalten, ihren Kunden, Aktionären und Mitarbeitern zu dienen? Kann überhaupt, wer seinen Aktionären dient, auch gleichzeitig den Kunden und Mitarbeitern dienen und umgekehrt?
Es ist immer wieder erstaunlich wie oberflächlich und plakativ gerade Fragen zur Zukunft von Management und Menschenführung behandelt werden. Es scheint so, als würden sich alle Unzulänglichkeiten der gegenwärtigen Arbeitssituation von alleine verflüchtigen, wenn man nur die kühnsten Zukunftsentwürfe an die Wand malt. Träume und Wünsche für die Zukunft sind notwendig, schön und absolut nicht verwerflich aber man sollte sie nicht gleich zu einem Trend hochstilisieren oder ihnen den Gehalt von Wahrsagungen geben.
Man sollte auch ab und zu über den Weg von der Realität zur Vision - und wieder zurück - reden. Der kann sehr mühsam sein.
Um ein auf Politik bezogenes Zitat des großen Soziologen Max Weber abzuwandeln: Führung ist das immerwährende Bohren von dicken Brettern. Darum sei denen verziehen, die ob dieser Mühsal in romantische Träume verfallen.