Montag, 23. September 2013

Arbeitszeitphantasie

In den verschiedensten Medien tauchen immer wieder Berichte rund um das Thema Arbeitszeit auf. Meist geht es darin um Defizite, die offensichtlich gegenwärtig spürbarer geworden sind als noch vor einigen Jahren. Das sollte man als positive Entwicklung sehen. An der Spitze der Berichterstattung stehen nach meinem Empfinden Überlastungssituationen. Da ist von renommierten Investmentbankern die Rede, die Praktikanten, zwar gegen ordentliche Vergütung, 14-18 Stunden täglich einschließlich Wochenende beschäftigen. Die jungen Leute, meist sehr gute Absolventen, nehmen diese Maloche bereitwillig auf sich, um später einen der begehrten Jobs bei diesen Banken oder auch  großen Law Firms zu ergattern, in denen es dann genauso weitergeht. Privatleben und soziale Kontakte gibt es während eines derartigen Praktikums nicht. Passend dazu gibt es immer wieder Erfahrungsberichte wo gerade die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben insbesondere Familienleben vermißt oder zumindest als verbesserungsbedürftig empfunden wird. Karrierewillige Frauen fühlen sich durch die Familienphase ausgebremst. Diejenigen unter ihren männlichen Partnern, die sie unterstützen wollen, befürchten ebenfalls Nachteile, wenn sie Erziehungsurlaub nehmen oder gar Teilzeit arbeiten wollen. Nach einer Langzeitstudie des Wissenschaftszentrum Berlin, die junge Frauen bei ihrer beruflichen Entwicklung beobachtete, sind sogar 30% von 1000 Teilnehmerinnen der Ansicht die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hätte sich verschlechtert. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass familiär bedingte Teilzeit, die berufliche Entwicklung hemmt.
Dabei ist ein Thema, das noch größere Anforderungen an Arbeitszeitgestaltung mit sich bringt, noch gar nicht so richtig in den Betrieben angekommen: Der Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten, wenn plötzlich ein Angehöriger pflegebedürftig wird.
Oder nehmen wir die Posse um das Bundesbahnstellwerk am Mainzer Hauptbahnhof. Auch das letztendlich ein Arbeitszeitproblem, nämlich die mangelhafte personelle Ausstattung eines Schichtbetriebes.
Damit sind wir bei einer der wesentlichen Ursachen der beschriebenen Defizite. Die knappe Personalausstattung führt häufig zu Überlastsituationen. Gewiß sind die Personalkosten, gerade in Dienstleistungsbetrieben, ein großer, wenn nicht gar der Hauptkostenblock. Darum ist es durchaus auch berechtigt bei Kosteneinsparungsmassnahmen dorthin zu schauen. Aber oft wird dort mit größerer Konsequenz hingeschaut wie auf die organisatorischen Prozesse. Zu diesen Prozessen zählt auch die Arbeitszeitgestaltung. Da fehlt es oft an Mut und Phantasie gleichermaßen. Überkommene Denkstrukturen sind noch zu weit verbreitet: Wer Karriere machen will, muss kontinuierlich präsent sein, eine Führungskraft kann nicht teilzeitarbeiten, Home Office geht nur bei wenigen Tätigkeiten.....
Arbeitszeit wird noch zu sehr unter quantitativen Aspekten gesehen. Wer möglichst viel arbeitet, leistet auch viel.