Mittwoch, 22. Mai 2013

Wir sind eine Familie?

Dieser Tage las ich diese Formulierung wieder in einem Flyer eines Discounters zur Rekrutierung von Azubis. Wir sind wie eine große Familie. Der Spruch gehört scheinbar immer noch zu den unausrottbaren Glaubenssätzen in manchen Unternehmen. Das ist um so verwunderlicher je mehr die Institution der "ursprünglichen" Familie in der Gesellschaft an Bedeutung verliert oder diese grundlegend verändert. Wenn in Unternehmen von Familie geredet wird, dann hat man allerdings das Gefühl, dass mehr die "gute, alte" Familie gemeint ist mit dem was sie vermittelt und auch braucht an Geborgenheit und Bindung. Es ist durchaus verständlich, dass Unternehmen sich dieses Bildes bedienen, um ein positives Bild von sich in der Öffentlichkeit zu vermitteln. Aber ist es auch noch zeitgemäß - in Zeiten zunehmender Ehescheidungen und Patchworkfamilien? Einem Bild, dem viele Unternehmen eher entsprechen würden. Aber keines käme auf die Idee von sich sagen: Wir sind wie eine große Patchworkfamilie. Wie sieht es mit dem Familienverständnis aus, wenn Kosten gespart und damit Stellen reduziert werde müssen, möglicherweise sogar Personal abgebaut werden muss? Wie geht die Familie dann mit ihren Mitgliedern um, die sie wegschicken muss? Und wie sieht es umgekehrt aus? Wenn in normalen Zeiten einzelne "Familienmitglieder" sich entscheiden wegzugehen, weil sie woanders mehr verdienen oder sich weiterentwickeln können? Behält die frühere Arbeitsfamilie immer noch die Bedeutung wie die richtige Familie? Sie sehen, es lohnt sich nicht, dieses Bild weiter zu strapazieren. Es ist nichts weiter wie ein in die Jahre gekommener Werbeslogan. Ehrlicher ist es zu sagen: Wir bieten gute Arbeit zu guten Bedingungen - und das natürlich auch einzuhalten.